Kaffeesatz · 9 Min. Lesezeit ·

Kaffeesatz lesen: Die Zonen der Tasse und ihre Bedeutung

Ein Vogel ist ein Vogel. Erst die Stelle, an der er sitzt, sagt dir, zu wem er fliegt, wann er ankommt und ob er bleibt.

Meine Großmutter hat mir die Tasse nie als Bilderbuch erklärt. Sie nannte sie ein Haus. Am Henkel ist die Haustür, sagte sie, am Rand das Fenster zur Straße, und am Boden der Keller, in dem alles liegt, was man nicht wegwerfen konnte.

Mit diesem Bild im Kopf wird das Lesen einfacher. Du fragst bei jedem Zeichen nicht zuerst, was es ist, sondern wo es steht. Der Ort gibt dir drei Antworten auf einmal: wen es betrifft, wann es geschieht und in welche Richtung es sich bewegt.

Die Tasse hat sechs Zonen, dazu kommt der Unterteller. Ich gehe sie hier der Reihe nach durch und zeige am Ende an einer ganzen Tasse, wie sie zusammenspielen.

So hältst du die Tasse

Alles hängt an einer einzigen Regel: Der Henkel zeigt zu dir. Nimm die Tasse in die Hand, dreh sie so, dass der Henkel auf deinen Bauch weist, und schau von oben schräg hinein.

Jetzt liegt die linke Wand links von dir und die rechte rechts. Die Seite gegenüber dem Henkel ist am weitesten von dir entfernt. Diese Haltung behältst du bei, solange du liest. Wer die Tasse zwischendurch dreht, verschiebt alle Bedeutungen und merkt es nicht.

Liest du für eine andere Person, zeigt der Henkel zu ihr und du schaust über ihre Schulter oder drehst die Tasse so, als säßest du an ihrem Platz. Es ist ihre Tasse, also zählen ihr Links und ihr Rechts.

Wie die Tasse vorher gekocht, getrunken und umgedreht wird, steht in der Anleitung zum Kaffeesatzlesen.

Henkel, Rand, Mitte und Boden

HenkelDu selbst, dein Zuhause
Gegenüber dem HenkelFremde, Ferne, Draußen
RandDie nächsten Tage
Mitte der WandDie nächsten Wochen
BodenVergangenes, was dich hält
UntertellerDein Wunsch

Der Henkel ist dein Platz in der Tasse. Was direkt daneben steht, geschieht in deinen vier Wänden oder mit den Menschen, mit denen du lebst. Zwei Fingerbreit links und rechts vom Henkel gehören noch dazu. Je weiter ein Zeichen vom Henkel wegrückt, desto weiter ist die Sache von deinem Alltag entfernt: erst Familie, dann Freunde und Arbeit, dann Bekannte, dann Fremde.

Die Seite gegenüber dem Henkel ist das Draußen. Hier stehen Menschen, die du noch nicht kennst, Orte, an denen du nicht wohnst, Behörden, Firmen, das Ausland. Ein Haus am Henkel ist dein Haus. Ein Haus gegenüber ist ein Haus, in das du vielleicht ziehst.

Der Rand ist der oberste Streifen, etwa einen Finger breit. Er ist das, was unmittelbar bevorsteht. Ein Zeichen, das den Rand berührt oder über ihn hinausläuft, ist schon fast da.

Die Mitte der Wand ist die Gegenwart im weiteren Sinn: die Wochen, in denen du gerade lebst, und das, womit du beschäftigt bist. Die meisten Tassen sind hier am vollsten, weil hier der Alltag steht.

Der Boden ist das Schwerste an der Tasse und auch in der Deutung. Hier setzt sich ab, was war und was dich nicht loslässt. Ein dichter, dunkler Boden ist eine alte Last und keine Ankündigung. Ein Boden, an dem das Porzellan durchscheint, zeigt jemanden, der mit seiner Vergangenheit im Reinen ist.

Linke Wand und rechte Wand

Mit dem Henkel zu dir teilt sich die Tasse in zwei Hälften. Rechts steht, was in dein Leben hereinkommt. Links steht, was hinausgeht.

Das klingt nach Gut und Schlecht, ist es aber nicht. An der linken Wand verabschieden sich auch Sorgen, Schulden, ein Streit, eine Angewohnheit. Eine dunkle Masse links ist oft die beste Nachricht einer Tasse: Sie zieht ab. An der rechten Wand kommt auch Arbeit auf dich zu, eine Verantwortung, ein Besuch, auf den du dich vorbereiten musst.

Dazu kommt die Bewegung. Viele Zeichen haben eine Richtung: ein Vogel einen Schnabel, ein Schiff einen Bug, ein Weg einen Anfang und ein Ende. Zeigt die Spitze zum Henkel, kommt die Sache zu dir, egal an welcher Wand. Zeigt sie vom Henkel weg, entfernt sie sich.

So entstehen vier Fälle. Ein Vogel rechts, der zum Henkel fliegt, ist die klarste Form einer guten Nachricht. Ein Vogel rechts, der wegfliegt, ist eine Nachricht, die an dir vorbei zu jemand anderem geht. Ein Vogel links, der zum Henkel schaut, ist jemand, der geht und sich noch einmal umdreht. Ein Vogel links, der wegfliegt, ist ein Abschied, der abgeschlossen ist.

Wer Handlesen kennt, findet hier eine Verwandtschaft: Auch dort zeigt die linke und die rechte Hand zwei verschiedene Zeiten desselben Lebens.

Zeit in der Tasse

Die Tasse zählt die Zeit von oben nach unten. Je näher am Rand, desto früher.

Am Rand sind es Tage, höchstens eine Woche. In der Mitte der Wand sind es Wochen, bis zu etwa zwei Monaten. Im unteren Drittel der Wand, kurz bevor sie in den Boden übergeht, sind es Monate.

Der Boden selbst hat zwei Gesichter, und das verwirrt Anfänger am meisten. Er ist die Stelle, die am weitesten vom Heute entfernt ist, in beide Richtungen. Was dort als dichte Masse oder verschwommene Gestalt liegt, ist Vergangenheit. Was dort als klares, einzelnes Zeichen steht, etwa eine Zahl oder der Anfang eines Weges, der nach oben führt, ist etwas, das noch viel Zeit braucht.

Die Faustregel meiner Großmutter: Was am Boden klebt, war. Was vom Boden aufsteigt, wird.

Zahlen helfen beim Zählen. Eine 3 am Rand sind drei Tage, in der Mitte drei Wochen, am Boden drei Monate. Nimm solche Angaben als Richtung und nicht als Kalender. Eine Tasse gilt nach alter Auffassung ohnehin nur für etwa vierzig Tage. Danach trinkt man eine neue.

Siehst du einen Vogel in deiner Tasse?Lad drei Fotos hoch. Dilara sagt dir, wo er sitzt und für wen die Nachricht ist.
Tasse lesen lassen

Der Unterteller

Der Unterteller ist keine Zone der Tasse, sondern ihre Antwort auf deinen Wunsch. Was beim Umdrehen hinausläuft, hat die Tasse sozusagen freigegeben.

Schau zuerst auf die Menge. Ist viel Kaffee hinausgelaufen und der Teller dunkel bedeckt, heißt es in der Türkei, die Sorgen seien aus dem Haus geflossen. Ist fast nichts auf dem Teller, hält die Tasse noch fest, und der Wunsch braucht Zeit.

Dann die Form. Ein großer, geschlossener Fleck mit ruhigem Rand ist ein Ja. Viele kleine Inseln sind ein Wunsch, der sich in mehreren Schritten erfüllt. Ein heller Kanal, der vom Fleck zum Tellerrand führt, ist ein Ausweg. Tropfen, die einzeln am Rand stehen, deute ich als kleine Verzögerungen.

Und schließlich die Zeichen. Auch auf dem Unterteller bilden sich Formen. Ein Fisch, ein Herz oder ein Buchstabe dort gehört unmittelbar zu deiner Frage. Für Liebesfragen ist der Unterteller besonders wichtig, davon handelt der Text über Liebe im Kaffeesatz.

Ein Symbol, fünf Stellen

Am besten lernst du die Zonen, indem du ein einziges Zeichen durch die Tasse wandern lässt. Die Grundbedeutungen stehen in der Liste der Kaffeesatz-Symbole.

Der Schlüssel

Am Henkel: eine Lösung für dein Zuhause, oft eine neue Wohnung. Gegenüber am Rand: ein Angebot von außen in den nächsten Tagen, etwa eine Zusage. An der linken Wand: eine Tür, die du hinter dir schließt. Am Boden: eine Lösung, die du schon einmal hattest und vergessen hast. Auf dem Unterteller: Dein Wunsch geht auf.

Die Schlange

Am Henkel: Unehrlichkeit im engen Kreis. Gegenüber: jemand aus der Arbeit oder ein Fremder, der dir nicht die ganze Wahrheit sagt. Links: Dieser Mensch verlässt dein Leben. Am Boden: eine alte Kränkung, keine neue Gefahr. Auf dem Unterteller: Prüfe, ob dein Wunsch auf einem falschen Versprechen ruht.

Der Ring

Am Henkel: eine Bindung im eigenen Haus. Am Rand rechts: ein Versprechen in den nächsten Tagen. In der Mitte gegenüber: eine Verbindung, die erst entsteht, mit jemandem, den du noch wenig kennst. Am Boden: ein Versprechen von früher, das noch nachklingt.

Der Fisch

Am Henkel: Glück, das bei dir zu Hause ankommt. Rechts in der Mitte: ein Gewinn in einigen Wochen. Gegenüber dem Henkel: Geld oder eine Chance aus der Ferne, oft aus dem Ausland. Links: eine Ausgabe, die sich lohnt. Auf dem Unterteller: Der Wunsch hat mit Geld oder einer Reise zu tun und steht gut.

Der Berg

Am Rand: eine Hürde, die diese Woche vor dir steht. In der Mitte: eine Aufgabe, die Wochen dauert. Am Boden: ein Hindernis, das du längst überwunden hast und das dir zeigt, was du kannst. Am Henkel: Die Schwierigkeit liegt zu Hause und nicht draußen.

Das Herz

Am Henkel: Liebe unter deinem Dach. Gegenüber: jemand, der noch weit weg ist. Rechts am Rand: Eine Zuneigung zeigt sich bald. Links: ein Gefühl, das leiser wird. Am Boden: jemand von früher, an den du noch denkst.

Dasselbe Spiel kannst du mit jedem Zeichen machen. Bei Tieren kommt noch die Blickrichtung dazu, mehr dazu im Text über Tiere im Kaffeesatz.

Eine Tasse, Zone für Zone gelesen

Ein Beispiel aus meiner Praxis, mit einer Frage nach der Arbeit.

Auf dem Unterteller liegt ein breiter, ruhiger Fleck mit einem hellen Kanal zum Rand. Der Wunsch steht gut, und es gibt einen Ausweg aus der jetzigen Lage.

Am Henkel steht ein kleines, klares Haus mit Dach. Zu Hause ist Ruhe, von dort kommt kein Druck.

An der rechten Wand, dicht am Rand, fliegt ein Vogel mit offenen Flügeln in Richtung Henkel. In den nächsten Tagen kommt eine gute Nachricht.

Gegenüber dem Henkel, in der Mitte der Wand, steht ein mittelgrauer Berg, daneben eine kleine Leiter. In einigen Wochen wartet draußen, also im Beruf, eine Aufgabe, die Kraft kostet und sich Schritt für Schritt lösen lässt.

An der linken Wand entfernt sich ein kleines Schiff. Etwas legt ab, wahrscheinlich die alte Stelle.

Am Boden liegt eine dichte, dunkle Fläche in Form eines Ankers. Etwas Altes hält noch fest, vielleicht die Gewohnheit oder die Angst vor dem Wechsel.

Als Satz: Eine Nachricht in den nächsten Tagen öffnet einen Weg aus der jetzigen Arbeit. Der Wechsel ist anstrengend und gelingt, wenn du nicht alles auf einmal willst. Was dich bremst, ist nicht die Lage, sondern das Festhalten am Alten.

Frag bei jedem Zeichen zuerst, wo es steht. Dann erst, was es ist.

Häufige Fragen

Halte die Tasse mit dem Henkel zu dir und schau hinein. Was dann links von dir liegt, ist die linke Wand, was rechts liegt, die rechte. Liest du für jemand anderen, gilt dessen Blickrichtung, nicht deine.

Was bedeutet ein Symbol am Boden der Tasse?

Meistens etwas Vergangenes, das noch nachwirkt: eine alte Geschichte, eine Erinnerung, eine Last. Nur klare Einzelzeichen wie eine Zahl oder ein Weg, der nach oben führt, zeigen am Boden etwas, das noch Monate entfernt ist. Ein dunkler Boden ist keine schlechte Vorhersage.

Wie erkenne ich im Kaffeesatz, wann etwas passiert?

An der Höhe. Der Rand steht für Tage, die Mitte der Wand für Wochen, der untere Teil für Monate. Zahlen in der Nähe eines Zeichens machen die Angabe genauer. Nimm es als Richtung, eine Tasse ist kein Kalender.

Was mache ich, wenn meine Tasse keinen Henkel hat?

Dann legst du vor dem Trinken einen Punkt fest, zum Beispiel ein Muster außen oder die Stelle gegenüber deinen Lippen, und merkst ihn dir. Einfacher ist eine Tasse mit Henkel. Ohne festen Punkt gibt es weder Links noch Rechts noch Nähe.

Lesen alle die Zonen der Tasse gleich?

Nein. Die Zonen werden in Familien weitergegeben und unterscheiden sich von Region zu Region in Einzelheiten. Henkel als eigener Platz und Rand als nahe Zukunft findest du fast überall. Wichtig ist, dass du bei einem System bleibst und es nicht mitten in der Tasse wechselst.

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