Große Arkana: Bedeutung aller 22 Tarotkarten
Zweiundzwanzig Karten, eine Geschichte. Wer die Reise des Narren einmal verstanden hat, muss keine Bedeutung mehr auswendig lernen.
Von den 78 Karten eines Tarotdecks sind 22 anders als die übrigen. Sie tragen keine Farbe wie Kelche oder Schwerter, sondern einen Namen und eine römische Zahl: Der Magier, Die Hohepriesterin, Der Turm. Das sind die großen Arkana, und wenn eine von ihnen in deiner Legung liegt, geht es selten um Kleinigkeiten.
Ich habe diese Karten nicht aus einem Buch gelernt. Meine Großmutter las in Izmir die Tasse, das Tarot kam bei mir später dazu, und ich habe am Anfang den Fehler gemacht, den fast alle machen: 22 Listen mit Stichwörtern pauken. Es hat nichts gebracht. Erst als ich die Karten als eine einzige Geschichte gelesen habe, sind sie geblieben.
Hier findest du alle 22 großen Arkana mit ihrer Bedeutung, aufrecht und umgekehrt, in der Reihenfolge von 0 bis XXI. Ich beschreibe die Bilder des Rider-Waite-Smith-Decks, weil fast alle heutigen Decks darauf aufbauen.
Was die großen Arkana sind
Arkana kommt vom lateinischen Wort für Geheimnis. Die großen Arkana sind die 22 Trumpfkarten, die kleinen Arkana die 56 Karten in vier Farben. Der Unterschied ist einfach: Die kleinen Arkana erzählen vom Alltag, von einem Streit, einer Rechnung, einem Gespräch am Dienstag. Die großen erzählen von den Kapiteln eines Lebens.
Zur umgekehrten Lage ein Wort, bevor wir anfangen. Eine Karte, die auf dem Kopf liegt, ist nicht das Gegenteil ihrer selbst und auch keine schlechte Nachricht. Sie zeigt dasselbe Thema, nur blockiert, verzögert, übertrieben oder nach innen gewendet. Die umgekehrte Sonne bleibt eine Sonne, nur hinter einer Wolke.
Und noch etwas: Tarot ist eine Bildsprache mit einer langen Tradition, keine Wissenschaft. Die Karten treffen keine Entscheidung für dich. Sie geben dir ein Bild, an dem du deine Lage klarer siehst.
Die Reise des Narren
Der Narr trägt die Null. Er steht vor der Reihe und zugleich außerhalb, denn er ist derjenige, der durch alle anderen Karten wandert. Das ist die Reise des Narren, und sie ist der Faden, an dem du jede Bedeutung wiederfindest.
Ich teile die Reise in drei Abschnitte zu je sieben Karten. In den Karten I bis VII lernt der Narr die Welt kennen: Eltern, Lehrer, Liebe, den ersten eigenen Erfolg. In den Karten VIII bis XIV wendet er sich nach innen: Er lernt Geduld, Alleinsein, Verlust und Maß. In den Karten XV bis XXI begegnet er dem, was größer ist als er, erst dem Dunklen, dann dem Licht, und kommt am Ende an.
Wenn du in einer Legung eine große Karte ziehst, frag dich deshalb zuerst: An welcher Stelle der Reise stehe ich hier? Am Anfang, wo alles noch gelernt wird? In der Mitte, wo es still wird? Oder kurz vor dem Ende, wo sich etwas schließt?
Der Narr weiß nichts und geht trotzdem los. Deshalb kommt er an.
Karten 0 bis VII: Der Aufbruch
Diese acht Karten handeln von dem, was dich geprägt hat und womit du in die Welt gehst. Liegen mehrere davon in einer Legung, geht es um Rollen, Vorbilder und den Mut, etwas zu beginnen.
0 Der Narr
Ein junger Mensch am Rand einer Klippe, ein kleines Bündel über der Schulter, ein weißer Hund an seiner Seite. Aufrecht: ein Anfang ohne Garantie. Du sagst Ja, bevor du alles weißt, und genau das ist richtig. Umgekehrt: Leichtsinn, oder die Angst, die den Schritt zurückhält. Schau nach, wo die Klippe wirklich ist, bevor du springst oder stehen bleibst.
I Der Magier
Auf seinem Tisch liegen Stab, Kelch, Schwert und Münze, eine Hand zeigt nach oben, eine nach unten. Aufrecht: Du hast alles, was du brauchst. Jetzt zählt, dass du anfängst. Umgekehrt: ein Talent, das ungenutzt liegt, oder jemand, der besser redet, als er handelt. Prüfe, ob hinter schönen Worten etwas steht.
II Die Hohepriesterin
Sie sitzt zwischen einer schwarzen und einer weißen Säule, die Schriftrolle halb unter dem Mantel verborgen. Aufrecht: Du weißt mehr, als du dir zugestehst. Nicht handeln, sondern abwarten und zuhören. Umgekehrt: Du überhörst dein Gefühl, weil andere lauter sind. Manchmal auch ein Geheimnis, das ans Licht will.
III Die Herrscherin
Eine Frau auf Kissen in einem reifen Kornfeld. Aufrecht: Wachstum, Fürsorge, Fülle. Etwas reift, wenn du es nährst, ein Vorhaben, eine Beziehung, manchmal eine Familie. Umgekehrt: Du sorgst für alle und vergisst dich selbst, oder deine Fürsorge wird dem anderen zu eng.
IV Der Herrscher
Ein Mann auf einem steinernen Thron, unter dem Mantel trägt er Rüstung. Aufrecht: Ordnung, Verantwortung, eine klare Regel. Oft eine Vaterfigur oder ein Vorgesetzter, oft auch du selbst, wenn du Grenzen setzt. Umgekehrt: Starrheit und Kontrolle, oder das Gegenteil davon, ein Rückgrat, das gerade fehlt.
V Der Hierophant
Ein Priester mit zwei Schülern zu seinen Füßen und zwei gekreuzten Schlüsseln. Aufrecht: Tradition, Lehre, ein bewährter Weg. Eine Ausbildung, ein Ritual, eine Hochzeit in aller Form. Umgekehrt: Du stellst eine Regel infrage, die dir nicht mehr passt. Das kann Befreiung sein oder bloßer Trotz.
VI Die Liebenden
Zwei Menschen unter einem Engel, hinter ihnen zwei Bäume. Aufrecht: eine Entscheidung aus dem Herzen und eine Verbindung, die zu deinen Werten passt. Nicht immer eine Liebesgeschichte, immer eine Wahl. Umgekehrt: Ihr wollt nicht dasselbe, oder du weichst einer Wahl aus, die längst ansteht.
VII Der Wagen
Ein Wagenlenker ohne Zügel, vor ihm eine schwarze und eine weiße Sphinx. Aufrecht: Wille und Richtung. Du kommst voran, weil du zwei gegensätzliche Kräfte zusammenhältst. Oft auch eine Reise oder ein Umzug. Umgekehrt: Die Sphinxen ziehen in verschiedene Richtungen. Viel Kraft, kein Ziel. Halt an und entscheide, wohin.
Karten VIII bis XIV: Der Weg nach innen
Nach dem ersten Sieg wird es stiller. Diese sieben Karten zeigen, was der Narr nur allein lernen kann. Zwei von ihnen, Der Gehängte und Der Tod, gehören zu den Karten, vor denen sich viele fürchten, und beide meinen etwas anderes, als ihr Name vermuten lässt.
VIII Die Kraft
Eine Frau schließt einem Löwen sanft das Maul. Aufrecht: leiser Mut. Du zähmst etwas mit Geduld statt mit Gewalt, einen Zorn, eine Angst, einen schwierigen Menschen. Umgekehrt: Selbstzweifel, oder der Löwe bricht aus und du sagst etwas, das du bereust.
IX Der Eremit
Ein alter Mann mit Laterne auf einem verschneiten Gipfel. Aufrecht: Rückzug, um die eigene Antwort zu finden. Manchmal ein Mensch, der dir den Weg leuchtet. Umgekehrt: Der Rückzug dauert zu lang und wird Einsamkeit, oder du meidest die Stille, die du brauchst.
X Das Rad des Schicksals
Ein Rad, an dem Figuren steigen und fallen. Aufrecht: eine Wende. Was unten war, kommt nach oben, oft durch einen Zufall, den du nicht geplant hast. Umgekehrt: Du stemmst dich gegen eine Veränderung, oder ein altes Muster dreht noch eine Runde. Auch diese Runde geht vorbei.
XI Die Gerechtigkeit
Eine Gestalt mit Waage und aufrechtem Schwert. Aufrecht: Ursache und Folge. Eine Entscheidung fällt fair, eine Wahrheit wird ausgesprochen, du bekommst, was du gesät hast. Umgekehrt: Etwas ist ungerecht, oder du weichst deiner eigenen Verantwortung aus. Manchmal auch ein zu hartes Urteil über dich selbst.
XII Der Gehängte
Er hängt an einem Fuß, das Gesicht ruhig, um den Kopf ein heller Schein. Aufrecht: eine Pause, die Sinn hat. Du siehst die Sache aus einem anderen Winkel, wenn du aufhörst zu ziehen. Umgekehrt: Du wartest, wo du längst handeln könntest, oder du bringst ein Opfer, das niemand verlangt hat.
XIII Der Tod
Ein Reiter mit schwarzer Fahne und weißer Rose, hinter ihm geht zwischen zwei Türmen die Sonne auf. Aufrecht: Etwas ist zu Ende, und das Ende macht Platz. Ein Abschnitt, eine Rolle, eine Gewohnheit. Diese Karte sagt nie den Tod eines Menschen voraus. Umgekehrt: Du hältst an etwas fest, das vorbei ist, und der Wandel zieht sich in die Länge.
XIV Die Mäßigkeit
Ein Engel gießt Wasser von einem Kelch in den anderen, ein Fuß steht im Wasser, einer an Land. Aufrecht: das richtige Maß. Zwei Dinge werden geduldig gemischt, bis sie zusammenpassen. Umgekehrt: zu viel von etwas, Arbeit, Streit, Genuss, oder Eile, wo Geduld gebraucht wird.
Karten XV bis XXI: Prüfung und Licht
Der letzte Abschnitt beginnt im Dunkeln und endet im Hellen. Lies diese Karten deshalb immer als Folge: Auf den Turm folgt der Stern, auf den Mond die Sonne. Keine der schweren Karten ist das letzte Wort.
XV Der Teufel
Zwei Menschen mit Ketten um den Hals, die so locker hängen, dass sie sie abstreifen könnten. Aufrecht: eine Bindung, die dich klein hält. Eine Gewohnheit, eine Abhängigkeit, eine Beziehung, in der Angst regiert. Umgekehrt: Du siehst die Kette und fängst an, sie zu lösen. Eine der besten umgekehrten Karten im Deck.
XVI Der Turm
Ein Blitz schlägt in einen Turm, die Krone fällt. Aufrecht: Etwas, das auf einem falschen Fundament stand, hält nicht mehr. Das geschieht plötzlich und tut weh, aber es legt die Wahrheit frei. Umgekehrt: Der Einsturz geschieht im Stillen, in dir, oder du schiebst ihn auf, obwohl du die Risse schon siehst.
XVII Der Stern
Eine kniende Frau gießt Wasser auf die Erde und in einen Teich, über ihr acht Sterne. Aufrecht: Hoffnung nach dem Sturm. Ruhe kehrt ein, du vertraust wieder, etwas heilt in seinem eigenen Tempo. Umgekehrt: Mutlosigkeit. Du glaubst gerade nicht an dich, doch der Stern steht noch da.
XVIII Der Mond
Ein Hund und ein Wolf heulen den Mond an, ein Krebs kriecht aus dem Wasser, ein Weg führt zwischen zwei Türmen ins Ungewisse. Aufrecht: Unklarheit, Träume, Angst vor dem, was du nicht siehst. Triff jetzt keine große Entscheidung. Umgekehrt: Der Nebel lichtet sich, eine Täuschung fliegt auf, die Angst wird kleiner.
XIX Die Sonne
Ein Kind auf einem weißen Pferd, hinter ihm Sonnenblumen. Aufrecht: Freude, Klarheit, Gelingen. Die einfachste und wärmste Karte des Decks. Umgekehrt: Die Freude ist da, aber gedämpft oder verzögert. Vielleicht erwartest du auch mehr, als die Lage hergibt.
XX Das Gericht
Ein Engel bläst die Posaune, Menschen erheben sich mit offenen Armen. Aufrecht: ein Ruf. Du ziehst Bilanz, vergibst dir oder einem anderen und bekommst eine zweite Chance. Umgekehrt: Du überhörst den Ruf, oder du gehst so hart mit dir ins Gericht, dass du nicht weiterkommst.
XXI Die Welt
Eine Tänzerin in einem Lorbeerkranz, in den Ecken vier Gestalten. Aufrecht: Ankunft. Ein Kreis schließt sich, eine Sache ist ganz, oft auch eine weite Reise. Umgekehrt: fast fertig. Ein letztes Stück fehlt noch, ein loses Ende, das du abschließen solltest, bevor du neu beginnst.
Und nach der Welt? Kommt wieder der Narr. Die Reise ist ein Kreis, keine Leiter.
Viele große Arkana in einer Legung
22 von 78 Karten sind große Arkana, das ist gut ein Viertel. In einer Legung mit drei Karten ist eine große Karte also normal, im Keltischen Kreuz mit zehn Karten sind es im Schnitt zwei oder drei. Erst wenn es deutlich mehr werden, sagt die Menge selbst etwas.
Viele große Karten: Du stehst in einem Lebenskapitel, nicht in einer Alltagsfrage. Die Sache ist größer, als deine Frage klang, und manches daran liegt kurzfristig nicht in deiner Hand. Das ist kein Grund zur Sorge. Es heißt, dass du Geduld brauchst und nicht jede Kleinigkeit steuern musst.
Keine große Karte: Es geht um Alltag, und fast alles liegt bei dir. Ein Gespräch, eine Entscheidung, ein Termin können die Lage ändern.
Die Position zählt. Der Turm an der Stelle der Vergangenheit ist ein Einsturz, den du schon hinter dir hast. Derselbe Turm an der Stelle der Zukunft ist eine Warnung, auf das Fundament zu schauen. Lies deshalb nie die Karte allein, sondern die Karte an ihrem Platz.
Nachbarn auf der Reise. Liegen Karten mit aufeinanderfolgenden Zahlen nebeneinander, etwa Teufel, Turm und Stern, siehst du einen Weg in Bewegung: die Bindung, den Bruch, die Ruhe danach. Solche Folgen gehören zu dem Deutlichsten, was eine Legung zeigen kann.
Dieselbe Karte immer wieder. Wenn du eine Tageskarte ziehst und in einer Woche dreimal den Eremiten bekommst, ist das dein Thema für diese Zeit. Schreib es auf.
Bei einer Frage, auf die du nur ein Ja oder Nein willst, machen große Karten die Antwort gewichtiger, aber nicht einfacher. Wie ich einzelne Karten dafür lese, steht im Artikel über Tarot Ja oder Nein. Weitere Legungen findest du in der Übersicht zum Tarot.
Häufige Fragen
Wie viele große Arkana gibt es?
Es sind 22 Karten, nummeriert von 0, dem Narren, bis XXI, der Welt. Zusammen mit den 56 kleinen Arkana ergeben sie die 78 Karten eines vollständigen Tarotdecks.
Was ist die stärkste Karte der großen Arkana?
Eine Rangfolge gibt es nicht. Als die hellsten Karten gelten die Sonne und die Welt, als die einschneidendsten der Turm und der Tod. Welche Karte in deiner Legung das meiste Gewicht hat, hängt von ihrem Platz und von deiner Frage ab.
Ist die Kraft die Karte VIII oder XI?
Das hängt vom Deck ab. Im Rider-Waite-Smith-Deck ist die Kraft die VIII und die Gerechtigkeit die XI. Im älteren Tarot de Marseille ist es umgekehrt. An der Bedeutung der beiden Karten ändert die Nummer nichts.
Sind umgekehrte große Arkana schlecht?
Nein. Eine umgekehrte Karte zeigt, dass ihr Thema stockt, sich verzögert oder in dir statt außen spielt. Beim Teufel oder beim Mond ist die umgekehrte Lage sogar die leichtere, weil sich dort etwas löst.
Was bedeutet es, wenn ich nur große Arkana ziehe?
Dann berührt deine Frage etwas Grundsätzliches: einen Abschnitt deines Lebens, der endet oder beginnt. Nimm dir Zeit für die Deutung, lies die Karten in ihrer Reihenfolge auf der Reise des Narren und triff keine schnelle Entscheidung allein wegen einer Legung.
Kann man nur mit den großen Arkana legen?
Ja, das ist eine alte Praxis und für Anfänger ein guter Einstieg, weil 22 Karten überschaubar sind. Die Antworten werden dann grundsätzlicher und weniger alltagsnah. In der FalciDilara-App lege ich mit allen 78 Karten, aufrecht und umgekehrt.