Tarot · 11 Min. Lesezeit ·

Kleine Arkana: Bedeutung der vier Farben, Zahlen und Hofkarten

Niemand muss 56 Karten auswendig lernen. Wer vier Farben und zehn Zahlen kennt, dem sagt jede Karte der kleinen Arkana ihre Bedeutung, bevor er ein Buch aufschlägt.

Wer mit Tarot anfängt, lernt zuerst die großen Namen: den Tod, die Liebenden, den Turm. Dann mischt man, legt drei Karten, und es liegen da die Sechs der Münzen, die Zwei der Stäbe und der Bube der Kelche. Das ist kein Zufall. Von den 78 Karten gehören 56 zur kleinen Arkana, sie machen also den größten Teil jeder Legung aus.

Als ich als junge Frau in Izmir mit den Karten begann, wollte ich alle 56 auswendig lernen, eine Stichwortliste nach der anderen. Es hat nicht funktioniert. Funktioniert hat, was mir eine ältere Kartenlegerin an einem Nachmittag beim Tee zeigte: Die kleine Arkana ist keine Liste, sie ist ein Raster. Vier Farben quer, Zahlen und Hofkarten längs. Wer Zeilen und Spalten kennt, kann jedes Feld lesen.

Dieses Raster findest du hier. Die großen Karten des Decks, vom Narren bis zur Welt, haben ihren eigenen Text über die Bedeutung der großen Arkana.

Die vier Farben und ihre Elemente

Jede Farbe hat ein Element, und jedes Element hat einen Lebensbereich, von dem es spricht. Das ist die erste Hälfte jeder Karte der kleinen Arkana: Die Farbe sagt dir, wo etwas geschieht.

StäbeFeuer: Wille, Beruf, Antrieb
KelcheWasser: Gefühle, Liebe
SchwerterLuft: Gedanken, Worte, Streit
MünzenErde: Geld, Körper, Zuhause

Stäbe

Feuer. Alles, was du willst und in Gang setzt: Pläne, Ehrgeiz, Beruf, ein Vorhaben, das dich nachts auf gute Art wach hält. Stäbe sind schnell und ungeduldig. Auf den Karten sind es lebende Äste mit kleinen Blättern, denn was sie beschreiben, wächst noch. Wenn Stäbe fallen, lautet die Frage, was du tun wirst.

Kelche

Wasser. Gefühle, Liebe, Freundschaft, Familie, auch Intuition und Sehnsucht. Kelche bewegen sich langsam, und sie füllen oder leeren sich: Achte darauf, ob die Kelche auf dem Bild stehen, erhoben werden oder umgekippt sind. Wenn Kelche fallen, lautet die Frage, was du fühlst und für wen.

Schwerter

Luft. Der Kopf: Gedanken, Entscheidungen, Worte, Wahrheit, und der Streit und die Sorgen, die daraus entstehen. Die Schwerter haben die härtesten Bilder im Deck, deshalb fürchten Anfänger sie. Meist zeigen sie nicht, was dir zustößt, sondern was in deinem Kopf vorgeht. Wenn Schwerter fallen, lautet die Frage, was du denkst und was gesagt werden muss.

Münzen

Erde. Alles, was du anfassen kannst: Geld, Arbeit als tägliche Mühe, die Wohnung, der Körper, Zeit. Münzen sind die langsamste Farbe. Was sie versprechen, kommt spät und bleibt lange. Wenn Münzen fallen, lautet die Frage, was du aufbaust und was es kostet. In manchen Decks heißen sie Pentakel oder Scheiben.

Wer Spielkarten kennt, kennt die Farben schon. Aus den Stäben wurde Kreuz, aus den Kelchen Herz, aus den Schwertern Pik und aus den Münzen Karo. Skat und Tarot sind Verwandte.

Die Zahlen von Ass bis Zehn

Die zweite Hälfte einer Karte ist ihre Zahl. Ich lese die zehn Zahlen als eine Geschichte, die jede Farbe auf ihre Weise erzählt: Etwas beginnt, wächst, gerät in Schwierigkeiten, erholt sich, wird geprüft und kommt zu einem Ende. Die Zahl sagt dir, wie weit eine Sache schon ist.

Ass

Der Same. Ein reiner Anfang, ein Angebot, eine Hand, die das Zeichen der Farbe aus einer Wolke reicht. Noch ist nichts damit getan. Ein Ass ist eine Chance, kein Ergebnis.

Zwei

Ein Gegenüber taucht auf. Eine Wahl zwischen zwei Dingen, ein Gleichgewicht, eine Begegnung zweier Menschen. Bei der Zwei geht es immer um ein Paar, und die Frage ist, ob beide Seiten zusammenarbeiten oder einander blockieren.

Drei

Das erste Wachstum. Andere kommen dazu, etwas wird nach außen sichtbar. Dreien handeln davon, was geschieht, wenn eine Sache nicht mehr dir allein gehört, im Guten wie im Schweren.

Vier

Halt und Pause. Vier Ecken, vier Wände. Eine Vier gibt Ruhe und Sicherheit, und zugleich kann es in ihr zu eng werden. Hier steht etwas still.

Fünf

Der Riss. Jede Fünf im Deck zeigt Reibung: einen Streit, einen Verlust, einen Mangel. Fünfen sind unbequem und nötig, denn ohne sie käme nichts über die Bequemlichkeit der Vier hinaus.

Sechs

Erholung. Nach der Fünf kommen Hilfe, Bewegung, ein Ausweg. Sechsen handeln vom Geben und Nehmen und davon, dass es langsam leichter wird.

Sieben

Die Prüfung. Du stehst mit deiner Sache allein da und musst sie beurteilen: verteidigen, abwarten, wählen oder genau hinsehen, was du da tust. Siebenen fragen, ob du es ernst meinst.

Acht

Bewegung und Mühe. Es geht schneller voran, oder du machst dich ernsthaft an die Arbeit. Achten zeigen, was du mit deiner Kraft anfängst, und manchmal, wie du dich mit ihr selbst fesselst.

Neun

Fast am Ziel. Die Fülle der Farbe für einen Menschen allein: was du erreicht hast oder was du trägst, ganz für dich. Die Neun ist der letzte Atemzug vor dem Schluss.

Zehn

Das Ende des Kreises, mit vollem Gewicht. Eine Zehn ist die Farbe in ihrem Höchstmaß, und das kann ein volles Haus sein oder ein überladener Rücken. Nach der Zehn beginnt ein neues Ass.

Die Hofkarten: Bube, Ritter, Königin, König

Sechzehn Karten zeigen weder eine Zahl noch eine Szene, sondern eine Figur. Anfängern fallen sie am schwersten, weil sie zweierlei bedeuten können: einen wirklichen Menschen in deinem Leben oder eine Haltung, die du einnimmst oder einnehmen solltest. Ich probiere immer zuerst die Haltung. Fällt dir danach ohne Mühe ein bestimmter Mensch ein, ist er wahrscheinlich gemeint.

Bube

Der Lernende. Neugierig, neu in der Sache, ein wenig ungeschickt. Ein Bube bringt oft eine Nachricht oder einen ersten kleinen Schritt im Bereich seiner Farbe. Der Bube der Kelche ist eine schüchterne Botschaft der Zuneigung, der Bube der Münzen jemand, der zu lernen oder zu sparen beginnt. In manchen Decks heißt er Page.

Ritter

Der, der unterwegs ist. Ein Ritter verfolgt die Sache seiner Farbe, und wie er reitet, sagt dir, auf welche Art. Der Ritter der Stäbe stürmt los, der Ritter der Münzen sitzt auf einem Pferd, das stillsteht. Ritter handeln vom Tempo und von der Gefahr, eine Sache zu übertreiben.

Königin

Meisterschaft nach innen. Sie kennt ihr Element von innen und sorgt dafür. Die Königin der Schwerter durchschaut eine Ausrede in einer Sekunde, die Königin der Kelche hört zu, bis du gesagt hast, was du wirklich meinst. Eine Königin ist nicht unbedingt eine Frau.

König

Meisterschaft nach außen. Er übernimmt Verantwortung, entscheidet und führt. Der König der Münzen hält ein Geschäft oder einen Haushalt auf festem Boden, der König der Stäbe reißt andere mit. Ein König ist nicht unbedingt ein Mann und nicht unbedingt älter als du.

Ein praktischer Hinweis: Wenn eine Hofkarte einen Menschen beschreibt, lies die Farbe als seinen Charakter, nicht als sein Aussehen. Alte Bücher ordnen den Farben Haarfarben zu. In dreißig Jahren hat mir das kein einziges Mal geholfen.

Eine Frage, die dich nicht loslässt?Zieh deine Karten selbst. Dilara liest sie für dich, aufrecht und umgekehrt. Die erste Legung ist geschenkt.
Karten legen

So leitest du jede Karte her

Jetzt setz die beiden Hälften zusammen. Farbe mal Zahl ergibt die Bedeutung, und das Bild auf der Karte bestätigt sie. Drei Beispiele.

Drei der Kelche. Kelche sind Gefühle und Nähe. Die Drei ist der Moment, in dem andere dazukommen. Zusammen: geteilte Freude mit Freundinnen, ein Fest, ein Kreis von Menschen, die dir guttun. Schau auf die Karte, und du siehst drei Frauen, die ihre Kelche heben.

Fünf der Münzen. Münzen sind Geld, Körper, Zuhause. Die Fünf ist der Riss. Zusammen: eine Zeit des Mangels, Geldsorgen oder das Gefühl, draußen zu stehen. Auf der Karte gehen zwei Gestalten durch den Schnee an einem erleuchteten Kirchenfenster vorbei. Das Fenster zählt: Hilfe ist näher, als es sich anfühlt. Diese Karte gehört zu denen, vor denen sich viele fürchten. Genauer beschreibe ich sie im Text über die gefürchteten Tarotkarten.

Acht der Stäbe. Stäbe sind Wille und Handeln. Die Acht ist Bewegung. Zusammen: Plötzlich geht alles schnell, Nachrichten treffen ein, eine Reise, eine Entscheidung, die binnen Tagen fällt. Die Karte zeigt acht Stäbe, die durch die Luft fliegen, und keinen einzigen Menschen.

Mit den Hofkarten geht es genauso. Ritter plus Schwerter: jemand, der mit Worten und Meinungen voranprescht, scharf und schnell, und nicht immer schaut, wohin er reitet.

Aufrecht und umgekehrt

Eine umgekehrte Karte ist nicht einfach das Gegenteil. Ich lese sie als dasselbe Thema, das nicht frei fließt: blockiert, verzögert, nach innen gekehrt oder übertrieben. Das Ass der Kelche aufrecht ist ein Gefühl, das sich öffnet. Umgekehrt ist es ein Gefühl, das du zurückhältst. Die Vier der Münzen aufrecht hält fest, was sie hat. Umgekehrt lockert sich der Griff, und das kann Großzügigkeit heißen oder Geld, das dir durch die Finger rinnt. Die Karten daneben entscheiden.

Üben lässt sich das Raster am besten mit einer Karte jeden Morgen. Wie das geht und was du fragst, steht in meiner Anleitung zur Tageskarte im Tarot. In der App wartet jeden Tag eine kostenlose Tageskarte auf dich, gezogen aus allen 78, aufrecht oder umgekehrt.

Wenn eine Farbe die Legung beherrscht

Bevor ich in einer größeren Legung eine einzige Karte deute, zähle ich. Wie viele von jeder Farbe, wie viele Hofkarten, welche Zahl wiederholt sich. Diese Zählung beantwortet die Frage oft schneller als jede einzelne Karte.

Viele Kelche. Es ist eine Sache des Gefühls, auch wenn du nach dem Beruf gefragt hast. Wer nach einem Vertrag fragt und vier Kelche zieht, fragt in Wahrheit, ob er dort glücklich wird.

Viele Schwerter. Im Kopf ist viel los. Sorgen, Auseinandersetzungen, Entscheidungen, die hin und her gewendet werden. Selten heißt das Unglück. Es heißt: reden, entscheiden, schlafen.

Viele Stäbe. Tempo und Antrieb. Die Dinge wollen getan werden, nicht besprochen. Die Gefahr liegt darin, fünf Sachen anzufangen und keine zu beenden.

Viele Münzen. Die Antwort ist praktisch. Geld, Zeit, Gesundheit im Sinn täglicher Gewohnheiten, der Ort, an dem du lebst. Es geht langsam und solide voran.

Eine Farbe, die fehlt, sagt ebenso viel. Eine Liebeslegung ohne einen einzigen Kelch zeigt zwei Menschen, die organisieren oder streiten, aber nicht fühlen. Eine Berufsfrage ohne Münzen ist noch ein Traum und kein Plan.

Viele Hofkarten heißen, dass viele Menschen mitreden. Eine wiederholte Zahl gibt den Ton vor: Drei Fünfen sind eine raue Strecke in mehreren Bereichen zugleich, mehrere Asse eine Zeit der Anfänge.

Und zeigt eine Legung wie das Keltische Kreuz fast nur kleine Arkana, dann liegt die Sache im Alltag und in deiner eigenen Hand. Die großen Karten beschreiben die großen Wendungen. Die kleinen beschreiben den Dienstag.

Häufige Fehler bei der kleinen Arkana

Der erste Fehler: diese Karten für weniger wichtig halten. In einer Legung mit drei Karten gibt dir die kleine Arkana meist den brauchbarsten Rat, weil sie konkret ist. Der Turm sagt, dass etwas einstürzt. Die Acht der Münzen sagt, dass du dich hinsetzen und üben sollst.

Der zweite: Stichworte lernen, statt hinzusehen. Das Rider-Waite-Smith-Deck hat jeder Zahlenkarte eine ganze Szene gegeben, was ältere Decks nicht hatten. Diese Szene ist deine beste Lehrerin. Wer ist auf der Karte, was tut er, wohin schaut er?

Der dritte: Angst vor den Schwertern. Die Neun der Schwerter zeigt einen Menschen, der nachts aufrecht im Bett sitzt, und genau das beschreibt sie: die Sorge um drei Uhr morgens, die fast immer größer ist als ihr Anlass.

Der vierte: jede Hofkarte als Fremden lesen, der bald in dein Leben tritt. Meistens bist der Ritter du selbst.

Die große Arkana sagt dir, in welchem Kapitel du bist. Die kleine sagt dir, was auf dieser Seite zu tun ist.

Häufige Fragen

Wie viele Karten hat die kleine Arkana?

  1. Jede der vier Farben hat zehn Zahlenkarten von Ass bis Zehn und vier Hofkarten: Bube, Ritter, Königin und König. Zusammen mit den 22 Karten der großen Arkana ergibt das die 78 Karten eines Tarotdecks.

Was ist der Unterschied zwischen großer und kleiner Arkana?

Die große Arkana zeigt die großen Themen und Wendepunkte eines Lebens. Die kleine Arkana zeigt den Alltag: Arbeit, Gefühle, Gespräche, Geld. In einer Legung sagen die großen Karten, worum es geht, die kleinen, wie es abläuft und was du tun kannst.

Welche Farbe der kleinen Arkana steht für die Liebe?

Die Kelche. Das Ass der Kelche, die Zwei der Kelche und die Zehn der Kelche sind die klassischen Liebeskarten. Eine Liebesfrage beantworten aber nicht die Kelche allein: Münzen zeigen, ob etwas im Alltag hält, Schwerter zeigen, was nicht gesagt wird.

Können Karten der kleinen Arkana Ja oder Nein sagen?

Ja, in groben Zügen. Asse, Dreien, Sechsen und die meisten Neunen und Zehnen neigen zum Ja, Fünfen und Siebenen eher zum Nein oder Noch nicht, und umgekehrte Karten bremsen die Antwort. Wie ich eine einzelne Karte für eine klare Antwort lese, steht im Text über Tarot Ja oder Nein.

Stehen Hofkarten immer für eine Person?

Nein. Sie können ein Mensch sein, beschreiben aber ebenso oft eine Art zu handeln, die die Lage von dir verlangt. Fällt dir niemand ein, lies die Karte als Rat: Handle wie dieser Bube, dieser Ritter, diese Königin oder dieser König.

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