Kaffeesatz · 8 Min. Lesezeit ·

Türkischer Kaffee und Kaffeesatzlesen: Geschichte und Brauch

In der Türkei liest man die Tasse nicht, um die Zukunft zu erfahren. Man liest sie, um noch eine halbe Stunde beieinander sitzen zu bleiben.

Wenn in Izmir Besuch kam, stellte meine Großmutter keine Frage. Sie stand auf und setzte den Cezve aufs Feuer. Erst wurde getrunken, dann geredet, und irgendwann drehte jemand die Tasse um. Niemand hat das je angekündigt. Es gehörte zum Kaffee wie das Glas Wasser daneben.

In der Türkei heißt das Kaffeesatzlesen schlicht „fal“. Das Wort kommt aus dem Arabischen und bedeutet Vorzeichen. Wer es nur als Wahrsagerei versteht, verpasst das Wichtigste: Fal ist ein Brauch unter Menschen, die sich mögen.

Hier erzähle ich, woher dieser Brauch kommt. Ich halte mich an das, was belegt ist, und sage dazu, wo die Überlieferung beginnt.

Wie der Kaffee nach Istanbul kam

Der Kaffee kommt aus dem Süden. Im 15. Jahrhundert tranken ihn Sufi-Gemeinschaften im Jemen, um bei den nächtlichen Andachten wach zu bleiben. Von dort wanderte er über Mekka, Kairo und Damaskus nach Norden. Das arabische Wort „qahwa“ wurde im Türkischen zu „kahve“, und daraus machten die Europäer später caffè, café und Kaffee.

In Istanbul ist der Kaffee seit der Mitte des 16. Jahrhunderts zu Hause, zur Zeit Süleymans des Prächtigen. Der osmanische Chronist İbrahim Peçevi berichtet, um das Jahr 1554 hätten zwei Männer aus Syrien, einer aus Aleppo und einer aus Damaskus, im Viertel Tahtakale die ersten Kaffeehäuser der Stadt eröffnet. Eine andere, volkstümliche Überlieferung nennt Özdemir Pascha, den Statthalter des Jemen, als den Mann, der den Kaffee an den Hof brachte. Belegen lässt sich das nicht sicher.

Sicher ist, was in Istanbul aus dem Kaffee wurde. Man röstete die Bohnen, mahlte sie zu Staub und kochte sie im Cezve mit Wasser auf, ohne zu filtern. Am Hof gab es bald ein eigenes Amt, den Kahvecibaşı, den obersten Kaffeekoch. Diese Zubereitung ist bis heute dieselbe, und sie ist der Grund, warum es überhaupt einen Satz in der Tasse gibt. Wie man so einen Mokka kocht, steht in der Anleitung zum Kaffeesatzlesen.

Die Kaffeehäuser

Das Kaffeehaus, „kahvehane“, war etwas Neues: ein Ort, an dem Männer verschiedener Herkunft zusammensaßen, ohne zu beten und ohne zu handeln. Man spielte Tavla und Schach, hörte dem Geschichtenerzähler zu, dem Meddah, und sah dem Schattentheater mit Karagöz zu. Zeitgenossen nannten die Kaffeehäuser Schulen der Gebildeten.

Den Herrschenden waren sie unheimlich. Wo geredet wird, wird auch über den Sultan geredet. Kaffeehäuser wurden mehrfach verboten, am strengsten unter Murad IV. in den 1630er Jahren. Gehalten hat kein Verbot. Der Kaffee war längst im Alltag angekommen, und von Istanbul aus erreichte er im 17. Jahrhundert Venedig, Wien, Paris und London.

Für die Geschichte des Fal ist eines wichtig: Das Kaffeehaus war ein Ort der Männer. Die Frauen tranken ihren Kaffee zu Hause, im Hamam und bei gegenseitigen Besuchen. Dort saß man länger, und dort blieb Zeit für die Tasse danach.

Wie das Lesen der Tasse zum Brauch wurde

Wann zum ersten Mal jemand eine Tasse umgedreht und darin gelesen hat, weiß niemand. Kein Chronist hat es aufgeschrieben. Die Überlieferung sagt, der Brauch sei in den Häusern und Frauengemächern Istanbuls entstanden, bald nachdem der Kaffee dort heimisch wurde. Das ist plausibel, mehr lässt sich ehrlich nicht sagen.

Was ich aus meiner eigenen Familie weiß: Fal wurde nie gelernt wie ein Handwerk mit Zeugnis. Es wurde zugesehen. Die Tochter saß neben der Mutter, die Enkelin neben der Großmutter. Jede Familie hatte ihre eigenen Lesarten, und deshalb unterscheiden sich die Zonen der Tasse und die Bedeutung mancher Kaffeesatz-Symbole von Haus zu Haus in Einzelheiten.

Fal hatte in diesen Runden eine Aufgabe, die mit Zukunft wenig zu tun hat. Über die Tasse ließ sich sagen, was man direkt nicht sagen konnte. Eine Nachbarin, die wusste, dass es in einer Ehe schwierig war, sah eben einen Berg am Henkel und dahinter einen hellen Weg. Die andere verstand. So wurde getröstet, gewarnt und ermutigt, ohne dass jemand das Gesicht verlor.

Daher kommen auch die Regeln, die bis heute gelten. Man liest nicht die eigene Tasse. Man liest für jemanden, der einem gegenübersitzt. Und man sagt nichts, was dem anderen den Mut nimmt.

Sprichwörter und der Kaffee der Braut

Wie die Türkei zum Fal steht, sagt ein einziger Satz:

Fala inanma, falsız da kalma. Glaub nicht an den Fal, aber bleib auch nicht ohne.

Das ist kein Widerspruch, sondern eine Haltung. Man nimmt die Tasse ernst genug, um zuzuhören, und nicht so ernst, dass man ihr das Leben überlässt. Ein zweites Sprichwort erklärt, warum der Kaffee selbst so viel wiegt: „Bir fincan kahvenin kırk yıl hatırı vardır.“ An eine Tasse Kaffee erinnert man sich vierzig Jahre. Wer dir einen Kaffee gekocht hat, dem bist du verbunden.

Am deutlichsten zeigt sich das beim Brautwerben. Wenn die Familie des Mannes um die Hand der Frau anhält, kocht die künftige Braut den Kaffee und serviert ihn den Gästen. An ihrem Kaffee, so heißt es, erkennt man ihr Geschick. In die Tasse des Bräutigams aber gibt sie Salz statt Zucker, manche auch Pfeffer. Trinkt er aus, ohne das Gesicht zu verziehen, hat er Geduld und guten Willen gezeigt. Über die Herkunft des Brauchs gibt es viele Erklärungen und keine gesicherte. Lebendig ist er bis heute, und gelacht wird dabei immer.

Auch in diesen Runden wird danach oft die Tasse umgedreht. Was sie über Ring und Herz sagt, steht im Text über Liebe im Kaffeesatz.

Siehst du einen Vogel in deiner Tasse?Lad drei Fotos hoch. Dilara sagt dir, wo er sitzt und für wen die Nachricht ist.
Tasse lesen lassen

Türkische Kaffeekultur als UNESCO-Kulturerbe

Im Jahr 2013 hat die UNESCO die türkische Kaffeekultur und ihre Tradition in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

Geschützt ist damit kein Getränk und kein Rezept. Gewürdigt wird eine Lebensform: die besondere Zubereitung im Cezve, das Servieren mit Wasser und etwas Süßem, die Gastfreundschaft, die Rolle des Kaffees bei Verlobungen und Festen, das Gespräch. Auch das Lesen des Kaffeesatzes wird in der Beschreibung als Teil dieser Kultur genannt.

Mir gefällt daran, dass der Fal nicht als Kuriosum danebensteht. Er gehört zu dem, was der Kaffee tut: Menschen an einem Tisch halten.

Tasseografie in anderen Ländern

Das Lesen aus Tassen hat einen gelehrten Namen, Tasseografie. Darin steckt das französische „tasse“, das selbst auf ein arabisches Wort für Schale zurückgeht. Der Brauch ist älter und weiter verbreitet als sein Name.

Teeblätter in Großbritannien

Als der Tee im 17. Jahrhundert nach England kam und später zum Alltagsgetränk wurde, begann man dort, aus den Blättern am Tassenboden zu lesen. Im 19. Jahrhundert war das in Großbritannien und Irland ein beliebter Zeitvertreib im Salon. Die Regeln ähneln den türkischen erstaunlich: Der Henkel steht für die fragende Person, der Rand für die nahe Zeit.

Griechenland

Griechischer Kaffee wird gekocht wie türkischer, und gelesen wird er ebenso. Die Tasse heißt dort „flitzani“, ein Wort, das vom türkischen „fincan“ kommt. Auch dort ist das Lesen vor allem Sache der Frauen einer Familie.

Die arabische Welt

Im Arabischen spricht man von „qirāʾat al-finjān“, dem Lesen der Tasse. Besonders in der Levante gehört es zu Besuchen wie der Kaffee selbst. Nizar Qabbani hat der Leserin ein berühmtes Gedicht gewidmet, das Abdel Halim Hafez 1976 gesungen hat.

Der Balkan und Armenien

Wo das Osmanische Reich den Kaffee hinbrachte, blieb auch die Tasse danach. In Bosnien, Serbien, Bulgarien und Rumänien wird bis heute gelesen, ebenso in armenischen Familien. Die Symbole überschneiden sich weithin: Vogel, Fisch, Weg und Ring bedeuten fast überall dasselbe.

Gemeinsam ist all diesen Traditionen, dass sie aus dem Rest eines geteilten Getränks lesen. Darin unterscheiden sie sich von Karten oder Sternen. Wer wissen möchte, wie die Tiere in der Tasse nach türkischer Art gelesen werden, findet sie im Text über Tiere im Kaffeesatz. Und für die Karten gibt es den Bereich Tarot.

Gemeinsam an einem Tisch lesen

Das Schönste am Fal war für mich immer die Runde. Vier, fünf Frauen an einem Tisch, jede mit ihrer Tasse. Eine liest, die anderen hören zu, werfen ein, widersprechen. Was in einer Tasse steht, hat oft mit der Tasse daneben zu tun: Die Nachricht, die bei der einen ankommt, hat die andere abgeschickt.

Meine Großmutter las solche Runden wie ein einziges Bild. Sie stellte die umgedrehten Tassen in eine Reihe, las reihum und kam am Ende noch einmal auf die erste zurück. Wer am Tisch saß, erfuhr nicht nur etwas über sich, sondern auch darüber, wie die anderen zu ihm standen.

Diesen Gedanken habe ich in die App mitgenommen. Dort gibt es neben der Lesung für eine einzelne Tasse eine Runde am Tisch: Bis zu fünf Tassen werden in einer einzigen Lesung gemeinsam gedeutet. Ihr kocht den Kaffee, trinkt, dreht um und fotografiert jede Tasse. Ich schreibe, was in jeder steht und was die Tassen miteinander zu tun haben.

Der Brauch selbst braucht keine App. Er braucht einen Tisch, einen Cezve und jemanden, dem du deine Tasse hinschieben magst.

Häufige Fragen

Seit wann gibt es das Kaffeesatzlesen?

Genau weiß es niemand. Nach der Überlieferung entstand der Brauch in Istanbul, nachdem der Kaffee dort im 16. Jahrhundert heimisch geworden war. Schriftliche Belege aus der frühesten Zeit fehlen, sicher ist nur, dass er seit Jahrhunderten zum türkischen Alltag gehört.

Warum bekommt der Bräutigam salzigen Kaffee?

Beim Anhalten um die Hand serviert die Braut den Kaffee und salzt die Tasse des Bräutigams. Trinkt er sie ohne Murren, zeigt er Geduld und dass er es ernst meint. Es ist eine heitere Prüfung, kein Urteil.

Was genau hat die UNESCO 2013 anerkannt?

Die türkische Kaffeekultur und ihre Tradition als immaterielles Kulturerbe der Menschheit. Gemeint sind Zubereitung, Gastfreundschaft und die Bräuche rund um den Kaffee, zu denen auch das Lesen des Satzes zählt.

Was heißt „Fala inanma, falsız da kalma“?

Wörtlich: Glaub nicht an den Fal, aber bleib auch nicht ohne Fal. Das Sprichwort beschreibt, wie man in der Türkei damit umgeht. Man hört zu, nimmt mit, was hilft, und entscheidet selbst.

Ist Kaffeesatzlesen mit Religion vereinbar?

Viele Geistliche lehnen Wahrsagerei ab, im Islam wie im Christentum, weil niemand das Verborgene kennen könne. Im türkischen Alltag gilt der Fal den meisten als Gespräch und Zeitvertreib und nicht als Glaubenssache. Wie du es hältst, entscheidest du selbst. Ich verstehe die Tasse als Deutung und Tradition und nicht als Gewissheit.

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